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Showrezension von „Kein Pardon“ von Philipp Kroiß

 

Am 15. April 2012 hatte ich durch den wunderbaren Studentenrabatt sehr gute Karten für die Nachmittagsvorstellung bekommen können. Eigentlich hatte ich die Tickets so besorgt, dass  Dirk Bach singen sollte. Tja, aber in Analogie zum letzten Musical, das ich im Capitol gesehen hatte, musste ich konstatieren: „So wie man plant und denkt, so kommt es nie.“

 

Die Cast:

 

Peter Schlönzke – Enrico de Pieri

Heinz Wäscher – Heinz-Peter Lengkeit

Mutter Schlönzke – Iris Schumacher

Opa Schlönzke – Frank Bahrenberg

Oma Schlönzke – Petra Welteroth

Ulla – Roberta Valenini

Doris – Susanna Panzner

Karin – Claudia Dilay Hauf

Walter – Tobias Bode

Bertram – Reinhard Brussmann

Hardy Loppmann – Wolfgang Schwingler

Tante Irmgard – Heike Schmitz

 

Ensemble Damen: Esther Mink, Kim-Deborah Tomaszewski, Julia Waldmayer, Anke Merz

Ensemble Herren: Arne David, Thomas Hohler, Luciano Mercoli, Richard Patrocino, Benjamin Sommerfeld

 

Bettina: Lea-Sophie Mauermann

Peter: Jannik Kowald

 

Dirigent: Thomas Mayer

 

Kommt man in den Saal wird man direkt von einen Testbild auf einem überdimensionalem Fernseher empfangen.

Dann zu Beginn der Show begrüßt Hape Kerkeling, auf die riesige Mattscheibe projiziert, als angetrunkene Ansagerin die Zuschauer.

Nach der tollen Overture beginnt das Stück im Haus der Familie Schlönzke. Die führt ein erfolgreiches Geschäft für Schnittchen in Bottrop. Peter Schlönzke stellt dem Zuschauer dann eben diese Stadt vor, während er ausliefert. Und so gibt es mit Bottrop Beach direkt den ersten Ohrwurm, der einem auch Tage nach dem Besuch nicht mehr loslässt. Von einem Automaten erfährt Peter dann noch seiner persönliche Glücksmelodie.

Am gleichen Abend bereitet sich dann der junge Mann mit seiner Mutter und seinen Großeltern auf den Fernsehabend vor (Kumpel Nummer Eins). Es kommt schließlich die Jubiläumsfolge von Witzigkeit kenn keine Grenzen mit Heinz Wäscher. Bühnentechnisch sehr geschickt gelöst ist, dass eben die Szenerie, die die Familie im Fernsehen sieht, sich für den Zuschauer in einer Wand des Hauses zeigt. Während der Show wird bekannt gegeben, dass man nach dem „Talent des Jahres“ suchen wird und dass der Gewinner in der nächsten Sendung auftreten würde. Seine Mutter hat Peter bereits angemeldet.

Am nächsten Tag ist dann das Casting und man schaut hinter die Fassade der Fernsehwelt und erkennt einen sehr grantigen Heinz Wäscher, der vom Regisseur Bertram und den beiden Redakteuren Doris und Walter über Gebühr hofiert wird. Doris bietet nun den vieren „Käffchen!“ an und daraus entsteht der gleichnamige Song.

Aber auch diese Ablenkung täuscht nicht darüber hinweg, dass man noch immer kein Talent des Jahres gefunden hat. Nach vielen anderen ist dann ist Peter dran; er kann aber mit Biene Maja die Jury nicht wirklich überzeugen. Auf der Suche nach dem Ausgang trifft er auf die Tontechnikerin Ulla. Ihr erklärt er seine Misere und sie besorgt ihm den Job als Kabelträger bei Witzigkeit.

Derweil träumen Mutter und Oma Schlönzke von der großen Karriere ihres Sohnes beim Fernsehen.

Während den Proben für die nächste Sendung taucht Peter ins Fernsehland ein und sieht das wahre Gesicht von Heinz und der Blick hinter die Kulissen lässt ihn nur allzu hart auf dem Boden der Tatsachen aufschlagen. Trotz all den Verfehlungen und Starallüren wird Heinz Wäscher immer wieder gelobt. Auf dem gemeinsamen Weg nach Hause spricht er mit Ulla und gemeinsam machen sie sich über das Fernsehen lustig. Vor einer Hausfassade singen sie dann den Titel Klingelsturm.

Folgend wird die Ansichten der Redaktion über den „großen“ Heinz Wäscher denen der Schlönzkes gegenübergestellt (Unser Heinz).

Peter hat nun gemerkt wie sein großer Held Heinz Wäscher wirklich ist und reagiert auf seine Geburtstagsgeschenke, die alle natürlich ungewollt Salz in die Wunde streuen. Seine Entscheidung steht fest: Er will kündigen. Und das sagt er auch seinem Vorgesetzten, der ihn gleich zum „Lustigen Glückshasen“ macht. Nach einer Probe mit Heinz Wäscher, die dieser nochmal in seiner typischen Manier schnell erledigen will, bringt Peter die Gefühle, die er nun hegt in der Reprise von Kumpel Nummer Eins wunderbar zum Ausdruck.

Dann beginnt die Show. Bei dieser hat „de lustische Glückshas“ die Aufgabe das „Briefsche“ in dem „Körbsche“, Heinz Wäscher zu geben, um so den Gewinner vom Wettbewerb „Talent des Jahres“ zu küren. Allerdings wurde der Brief ihm nicht geben. Als Heinz Wäscher ihn dann in der Peter so verhassten Art behandelt, ist es diesem zu viel. Wütend sagt er ihm die Meinung.

Der zweite Akt beginnt damit, dass er von Regisseur und Redakteuren zum Showmaster überredet und gemacht wird (Ab jetzt ein Star). Heinz Wäscher aber ist raus. (An dieser Stelle sei erwähnt, dass Lass Heinz ran! aus absolut verständlichen Gründen nicht an diesem Nachmittag stattfinden konnte.)

Ulla hat endlich ihren Job in Übersee bekommen für den sie sich so lange schon beworben hatte. Ein großer Wunsch ist erfüllt; genau wie bei Peter, der nun endlich seinen Traum leben  und im Fernsehen „Witzigkeit kenn keine Grenzen“ moderieren darf. Zu ihrem Abschied singen sie Wild und Frei; ein sehr guten Titel wie ich finde.

Derweil freuen sich in Bottrop Mutter und Oma darüber, dass ihr Sohn beim Fernsehen und ab jetzt ein Star ist. Und tatsächlich moderiert er die Sendung beinahe ein Jahr.

Karin, die ehemals immer ein „Käffchen“ für die „Witzigkeit“-Crew bereit hatte, arbeitet nun beim privaten Fernsehen in der Talkshow „Karin & Leute“. Peter wird eingeladen und zu dessen Überraschung auch seine Mutter und seine Großeltern. Als dann aber für ihn peinliche Details aus seiner Jugend besprochen werden und die Fassade der besonderen Ausbildung zu bröckeln beginnt, ist es dem jungen Mann zu viel und er verlässt verärgert die Sendung. Enttäuscht hat nun auch die Familie erfahren, wie die Schattenseite aussieht, wenn der Sohn beim Fernsehen ist.

Die nächste Sendung „Witzigkeit“: Uschi Blum ist zu Gast. Gemeinsam mit Peter singt sie einen ihrer großartigen Welthits Nimm mich heut‘ Nacht. Nach der Show wird Peter gesagt, dass dies seine letzte war. Der Sender wollte in der Moderation völlig neue Wege gehen, ist die Begründung von Doris.

Unabhängig voreinander erkennen Hilde und Peter Schlönzke, dass das Leben kein Pardon kennt. Hier zeigt die Show auch den Facettenreichtum in wunderbarem Maße. Kein Pardon ist ein stimmiger Torch Song, der an diesem Moment nicht nur wunderbar passt, sondern auch jeden im Zuschauerraum packt.

Reumütig kehrt er zurück nach Bottrop und will sich entschuldigen. Er wird verstanden, aber die Mutter kann ihm nicht verzeihen. Um seine Frau aufzumuntern, erklärt Hermann, dass man ihm Ruhrpott Stress ja gewohnt sei (Dat wär doch gelacht). Dieser mitreißende Song hat den besonderen Moment, wenn Grubenarbeiter aus dem Bühnenboden kommen und den Refrain wunderbar bereichern. Wenn der Ruhrpott irgendwann mal eine Hymne braucht, ist Dat wär doch gelacht sicher die perfekte Wahl.

Peter kommt derweil an dem Automaten für persönliche Glücksmelodien vorbei. Voll der Wut darüber, dass er mit dieser nicht erfolgreich war und dass ein anderer Mann nun die selbe bekommt, zerstört er den Automaten. Als Konklusion folgt nun der 11 o’clock Song Willkommen beim Fernsehen. Dramaturgisch geschickt eingesetzt kommen Peter nun seine vergangenen Erlebnisse wieder in den Sinn.

Eines steht für ihn fest, er muss seine Familie zurückgewinnen – er hat doch Geburtstag und den möchte er mit seinen Lieben verbringen. Gemeinsam mit Ulla setzt er eine Idee um, die letztendlich zur Versöhnung führt.

Im Finale sieht man, dass er eine weitere Idee umgesetzt hat: „Schlönzkes Schnittchen Show“ und seine tausendste Sendung feiert. Schlussendlich wird die Oma rezitiert: Das ganze Leben ist ein Quiz.

 

Soweit zur Story.

Die Umsetzung ist absolut gelungen und ist zu einem tollen Musical geworden mit wunderbaren Songs. Das einzige, was man sich vielleicht noch wünschen könnte, wäre, dass die Tatsache, dass Peter letztendendes die Charakterzüge annimmt, die er an Heinz Wäscher so gehasst hat, noch klarer herauskäme und durch einen Song oder  entsprechendes Underscoring auch musikalisch ausgedrückt würde – aber das nur am Rande. Das gesamte Kreativteam hat es geschafft die Vorlage super umzusetzen und durch tolle Songs auch musikalisch zu bereichern.

Besonders möchte ich an dieser Stelle hervorheben wie unglaublich gut die Musikstücke für Kein Pardon komponiert sind. Man findet es nicht häufig, dass kompositorisch eine solche Bandbreite abgedeckt wird und gerade in einer solchen Qualität. Von stimmiger Ballade bis Polka oder Samba passt alles wunderbar in die Show. Und auch der Titelsong Kein Pardon – auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole – ist grandios, was man absolut nicht von jedem Titelsong eines Musicals behaupten kann.

Das Ensemble liefert insgesamt eine tolle Leistung ab. Mir war eigentlich nur ein Moment bei „Karin & Leute“ aufgefallen, wo etwas darstellerisch verloren ging und selbst das nur vereinzelt. Jeder der neun zeigte darstellerische Vielfalt und tolle Choreographie. Hervorheben möchte ich aber an dieser Stelle besonders Esther Mink, die von der Mimik her immer sehr präsent war, und Thomas Hohler, der es vermochte, seine Solomomente sehr gut zu nutzen.

Enrico de Pieri zeigt dem Publikum eine wunderbare Darstellung und eine stimmlich hervorragende Umsetzung. Er überzeugt auf ganzer Linie in dieser wie für ihn geschrieben wirkenden Rolle.

Heinz-Peter Lengkeit zeigt einen richtig guten Heinz Wäscher. Der Dialekt wirkt auch bei ihm nicht einstudiert oder aufgesetzt; wie auch gar nichts an seiner Darstellung. Fraglich ist, ob man es überhaupt besser machen kann.

Iris Schumacher als Hilde Schlönzke ist ebenfalls sehr gut besetzt. Ihre Authentizität ist ein echter Gewinn für den Zuschauer.

Frank Bahrenberg steht gar nicht im Programmheft. Ich wusste nur, dass er im Moment bei Chess in Bielefeld (u.a. mit Alex Melcher, Roberta Valentini und Veit Schäfermeister) mitspielte. Er vermag als Opa Schlönzke komplett zu überzeugen und hat diese Rolle so, dass er auch kleine Fehler überspielen konnte. Man hat es ja manchmal, dass Schauspieler Running Gags nicht wirklich halten könnten und spätestens beim dritten Mal schon unauthentisch rüberbringen, aber das ist bei ihm absolut nicht so.

Auch Petra Welteroth, die seine Frau spielte (draußen auf der Cast-Liste stand ursprünglich Verena Planger) schaffte es absolut zu überzeugen.

Roberta Valenini als Ulla ist durch ihre hervorragende Darstellung ein echter Gewinn für die Zuschauer und passt stimmlich in den Duetten auch wunderbar zu Enrico de Pieri. Gemeinsam machen sie Klingelsturm und Wild und frei zu Highlights der Show.

Auch das Kreativteam von „Witzigkeit kennt keine Grenzen“, gespielt von Susanna Panzner, Tobias Bode und Reinhard Brussmann können die tollen Momente, die das Buch für sie bieten, gut nutzen.

Claudia Dilay Hauf zeigt als Karin eine leider eher maskenhafte Mimik, die überzogen wirkt und auf Dauer leider auch an Wirkung verliert. Dieser Umstand ist schade, da sie ansonsten darstellerisch eine gute Leistung zeigte.

Wolfgang Schwingler als Hardy Loppmann war eine Überraschung, weil eigentlich Julian Button angekündigt war, aber ein positive. Seine Darstellung hat mir als Zuschauer richtig Spaß gebracht und absolut überzeugt, auch, wenn das Publikum manchmal nicht so ganz mitgegangen ist, ob wohl er bestens Gelegenheiten dazu gab.

Heike Schmitz war als Tante Irmgard und ihren anderen Ensemblerollen zu sehen und zeigte sehr gute Interpretationen.

 

Insgesamt war es also eine sehr gute Vorstellung und „Kein Pardon“ ist ein sehenswertes Stück. Ich kann nur empfehlen, die Show zu besuchen. Für Menschen, die gerne bei Musicals lachen, aber auch besondere Momente erleben möchten, ist es absolut ideal. Aber auch Besucher, die vielleicht eher auf die Shows stehen, die etwas dramatischer daher kommen (z.B.: Elisabeth), können an „Kein Pardon“ durchaus ihren Spaß haben. Prinzipiell ist also für jeden was dabei.

 

Meine Empfehlung, mein Fazit und mein Wunsch für Sie: Karten kaufen und eine tolle Show genießen.

 

Fotos: Philipp Kroiß, stern.de