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[’pro:c-dur]: „Wir geben Alles – gelacht wird nicht!“

 

Premiere im Ebertbad Oberhausen, 16.04.2010

   [’pro:c-dur] – das sind der Pianist Timm Beckmann und der Gitarrist Tobias Janssen, die sich als neues Duo zusammen gefunden haben, um Musikkabarett zu machen.

 

   Timm Beckmann studierte Klavier an der Folkwang Hochschule in Essen und klassische Liedbegleitung in Wien, war als Studio- und Theatermusiker in unterschiedlichsten Musikstilen tätig und wurde insbesondere bekannt und beliebt als männlicher Part des Chanson-Kabarett-Duos Weber-Beckmann, das 2007 mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet wurde.

 

   Tobias Janssen absolvierte ein Gitarrenstudium in Arnheim in den Niederlanden und ist ein gefragter Live- und Studiomusiker, der auf eine Zusammenarbeit mit diversen namhaften Künstlern zurückblickt und als Komponist und Musikproduzent tätig ist.

 

 

    Nach diesen Informationen und der Ankündigung „Hier trifft Klassik auf Hardcore, um sich perfekt zu ergänzen“ durfte man auf die Premiere des Programms „Wir geben Alles – gelacht wird nicht“ am 16.04.2010 im Ebertbad Oberhausen gespannt sein.

 

   Und so bestand das Programm, durch das die beiden Künstler im Dialog führten, aus raschen Wechseln unterschiedlichster Musikrichtungen: Von Klassik über Jazz und Chanson hin zu Funk, Rock und Pop wurde kein Genre ausgelassen, Originalwerke fanden ebenso ihren Platz wie Variationen und bisweilen gewagte Verfremdungen, und auch eigene Kompositionen des Duos wurden präsentiert.

 

 

    Der Abend begann fulminant: Johann Sebastian Bachs Präludium c-moll, zunächst vorgetragen von Timm Beckmann am Flügel, wurde unterbrochen von Tobias Janssen, der mit Van Halens Jump die Bühne betrat, und tauchte schließlich in einer wilden Mischung aus klassischen und zeitgenössischen Themen wieder auf, in der sich beide Musiker die Bälle zuspielten.

 

   So lebte die erste Hälfte der Show von eben diesem Wechsel zwischen klassischer und zeitgenössischer Musik. Beckmanns erklärtem Ziel, Interesse an klassischer Musik zu wecken, kamen die beiden Musiker durch beeindruckende Interpretationen und Virtuosität näher; insbesondere der auf Flügel, Keyboard und E-Gitarre zusammen dargebotene Hummelflug hätte vielleicht selbst seinen Komponisten Rimski-Korsakow beeindruckt.

 

   Hierzu passte auch Timm Beckmanns Plädoyer für einen lockeren, zeitgemäßen Umgang mit klassischer Musik: Gegen das, so Beckmann, „möchtegern-elitäre Gehampel“ in vielen Konzertsälen, gegen Kleiderordnungen („Ich muss keinen Anzug tragen, um Klassik zu hören!“), überteuerte Eintrittsgelder und „Begräbnisstimmung“ setzte er sein Ideal eines ungezwungenen Konzertbesuchs in Jeans mit dem Pausenbier zwischendurch. Diese sympathische Ungezwungenheit zeigte Beckmann spontan auch dann, als er sich bei Chopins Revolutionsetüde verspielte („Ich habe Premierenhände mitgebracht!“) und augenzwinkernd feststellte, Chopin habe „das Stück nicht ganz so komponiert“.

 

   Während anfangs die Beschäftigung mit den verschiedenen Musikstilen sowie die Erfindung verschiedener „Schnulzen-Stufen“ noch eine Art roter Faden im Programm darstellten, war dieser allerdings im weiteren Verlauf zu vermissen: Von „Sonnenaufgang“ und „Morgenstimmung“ wechselten die Themen über „Synästhesie“ und „Melodien in der Werbung“ hin zu „Todesthemen in der Musik“ – und bereits beim Auflisten dieser Inhalte entsteht der Eindruck einer gewissen Konzeptlosigkeit, dem man sich auch während der Show nicht entziehen konnte. Melodieteile und Liedfragmente wurden schlicht aneinander gereiht, und auch die Dialoge wirkten eher aufgesetzt und einstudiert als ein Sinn ergebendes Gespräch.

 

   Ohne inhaltlichen Zusammenhang auch die eigenen Songs des Duos. Ich rette Deutschland und 1 & 1 erschienen zudem nicht nur deplatziert, sondern in großen Teilen auch beleidigend bzw. geschmacklos.

 

   So änderte sich mit fortschreitender Zeit auch die Stimmung beim Zuschauer: Während Beckmanns Tom-Waits-Imitation und Janssens Übersetzung des Ten-Sharp-Hits You ins Niederländische noch für Gelächter gesorgt hatten, war spätestens bei Schuberts Der Tod und das Mädchen ein Stimmungstief erreicht, das zur Bezeichnung „Kabarett“ im Widerspruch stand.

 

   Der zweite Teil des Programms zog sich zäh dahin, und weder die Lichtregie, die im ersten Teil noch phantasievoll die Musik untermalt hatte, noch wiederholte Einlagen am Keyboard sorgten für Abwechslung. Statt hier vorprogrammierte Klangsequenzen zu präsentieren, hätte Beckmann eher an die Virtuosität anknüpfen sollen, die er zu Beginn am Flügel unter Beweis gestellt hatte.

 

 

    Insgesamt ein guter Ansatz, der sich jedoch in Konzeptlosigkeit und den Längen des Programms verlor. Schade insbesondere, wenn man das Talent und die Experimentier- und Spielfreude beider Künstler sieht.

 

   „Wir geben Alles“ – ist eben manchmal zu viel, und die Quantität hätte durch Qualität, die die beiden Musiker zweifelsohne besitzen, ersetzt werden können.

 

 

Sandra Niggemann

 

Foto:

 

www.procdur.com.jpg