


Premiere des Musicals „Ludwig² -
Die Big Box in Kempten feierte am Donnerstag, den 07. Juli 2011, eine Premiere der
besonderen Art. Wohl kaum wurde eine Premiere so heiß von vielen Menschen herbei
ersehnt, wie die des Musicals „Ludwig² -
Nun, da ich selbst einen ganz besonderen Bezug zu diesem Musical habe, verlasse ich heute die Rolle des sachlich berichtenden Journalisten und werde Ihnen meine persönlichen Eindrücke, Empfindungen sowie auch Gedanken zu diesem Event mitteilen.
Wo fange ich an…im Jahr 2004 saß ich an einem kalten Novembertag im, vom Nebel eingehüllten, Festspielhaus Füssen – genauer gesagt, befand ich mich in der Kantine. Dort fand eine Besprechung mit ein paar Mitarbeitern des Hauses statt, die mich zum Gespräch einluden, da ein neues Ludwig Musical in Planung war, das 2005 Premiere feiern würde. Da ich bereits den Bau des Festspielhauses miterlebte und mich seit meinem 3. Lebensjahr sehr mit dem historischen König Ludwig II. und seinen Schlössern beschäftige, hatte ich schon immer einen besonderen Bezug zu den Musicals, die es rund um seine Majestät gab. Das erste Musical „Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies“, sah ich noch in vollem Glanze und leider auch, als der letzte Vorhang fiel und das Festspielhaus in Trauer gehüllt war. So etwas durfte dem zweiten Stück nicht wiederfahren und ich beschloss, mich sofort, nachdem bekannt war, dass es ein neues Ludwig Musical geben würde, bei den entsprechenden Personen zu melden, um meine Hilfe und Unterstützung anzubieten. So wurde damals im November 2004 der Ludwig² Fanclub gegründet, ohne dass ich wusste, was für ein Stück da auch uns zukommen würde…Doch in weiser Voraussicht plante ich bereits alle Einzelheiten des Clubs und das Musical selbst schlug ein wie eine Bombe!
Ich war bei der Premiere 2005 dabei, es schneite so stark, dass man nicht mal die Ludwig Glocke im Park des Festspielhauses sehen konnte, doch das Musical machte alles wett und sorgte für ein Gefühl der besonderen Art. Noch nie hatte mich ein Stück zuvor so ergriffen! Und ich war stolz, dieses einmalige Stück begleiten zu dürfen, damals war noch nicht absehbar, dass dies nur 2 Jahre sein würden! So brachten wir als Musicalfriends Ludwig² allerlei Geschenke mit, überreichten dem Stück einen echten Stern sowie auch eine Patenschaft für zwei Schwäne, namens Ludwig und Sisi!
2007 dann der Schock – ich erfuhr, dass das Stück während der Proben für die neue Spielsaison, eingestellt wurde. Die Darsteller mussten von heute auf morgen das Haus verlassen und des Königs Traum war ausgeträumt!
Bis zum Jahr 2011!
Was keiner für wahr hielt, wurde Wahrheit: Ludwig² sollte zurückkehren. Erst hielt ich es für ein Gerücht, nach all der Zeit der Traurigkeit. Ich konnte nicht einmal mehr die CD des Musicals hören, zu viele Erinnerungen wurden dabei wach. Doch es war zum Glück kein Gerücht und so durfte ich doch tatsächlich „Ludwig²“ am Donnerstag, den 07.07. nach geschlagenen 4 Jahren, wiedersehen und hören!
Und das Schöne: Teilweise auch noch mit den damaligen und besonders liebgewonnen Darstellerinnen und Darstellern! Doch wie würde nun das Musical sein, so verändert vom Standort, mit veränderter Handlung und anderen Kulissen und Kostümen?
Nun, wer das Musical in Füssen noch nicht sah, der wird begeistert sein! Die einschmeichelnde Musik, die ausdrucksstarken Dialoge sowie die packende Handlung schaffen es sofort, die Menschen auch 2011 in ihren Bann zu ziehen!
Doch wer damals in Füssen dabei war, wird zuerst einmal tief durchatmen…einerseits, weil die Erinnerungen doch stark geweckt werden und andererseits, weil doch sehr viel verändert wurde.
Auf die Änderungen möchte ich nachher noch detailliert eingehen. Zuerst ein paar Worte zum neuen König und seiner neuen Sisi:
Matthias Stockinger, der zuvor in Stuttgart, bei „Tanz der Vampire“ u.a. die Rolle des „Grafen von Krolock“ verkörperte, stellt einen würdigen und auch häufig zerbrechlich wirkenden Ludwig dar. Seine Stimme variiert von sanft, bis zu dröhnend stark. Man nimmt ihm die Rolle des Königs ab, auch dessen Verträumtheit und Zerrissenheit. Somit ist dieses neue Gesicht sehr gut gewählt und auch passend zu der neuen Interpretation des Stückes, welches von Gerd Fischer und seiner Frau wieder ins Leben gerufen wurde. Ebenso verhält es sich mit Michaela Kovarikova, alias „Kaiserin Sisi“. Die junge Sopranistin bietet nicht nur optisch eine wunderschöne Kaiserin, sondern überzeugt auch stimmlich, ob bei ihrem Solo „Rosen ohne Dornen“ (ehemals „Rosenkavaliere“) oder im Duett mit Ludwig „Liebe, die in Freiheit blüht“ (ehemals „In Palästen geboren“).
Ebenso neu an der Seite des Königs ist Ruwen Goyens als „Graf Dürckheim“, stimmlich harmoniert er mit Stockinger im „Freundschaftsduett“, nur bleibt seine Rolle in der Neuinszenierung leider etwas blass.
„Der Schattenmann“, gespielt von Philippe Ducloux, der auch in einer Doppelrolle „Lew Vanderpoole“ verkörpert, hat eine ausdrucksstarke Stimme, die er auch bei seinem Solo „Schatten auf des Königs Palästen“ zum Einsatz bringt. Dennoch wird die Rolle des Schattenmannes in der neuen Inszenierung etwas verändert dargestellt, doch hierzu ebenso später.
Norbert Lamla (wie immer faszinierend und stimmgewaltig als „Dr. Gudden), Suzan Zeichner (als Sybille Meilhaus, deren Rolle erweitert wurde), Christa Wettstein (als Ludovika von Bayern), Stefanie Kock (als Königin Marie von Preußen), Alexander Kerbst (als Freiherr von Lutz), Nils Holger Bock (als Erfinder und Graf Holnstein), William Cohn (als Kaspar) und nicht zuletzt Martin Markert (als Prinz Otto und Ludwig II.) gehörten bereits der Füssener Fassung an und sind nun, zur Freude des Publikums, wieder dabei!
Anna Christiana Hofbauer, die nun Sisi´s Schwester Sophie spielt, verkörpert diese Rolle mit der nötigen Authentizität, Thorsten Kugler, als „Graf Rettenberg“, interpretiert den Charakter sehr heimtückisch und bösartig und am meisten hat die Rolle des kleinen Ludwig hinzugewonnen. Bei der Premiere spielte Frederick Schissler den jungen König, ein hochbegabter junger Schauspieler, der die Herzen des Publikums im Sturm eroberte.
Kommen wir nun zu den Änderungen und Neuerungen! Alles aufzuzählen wäre unmöglich oder würde den Rahmen sprengen. Doch auf gravierende Dinge möchte ich durchaus eingehen:
1. Die Eröffnungsszene ist völlig neu – so schritten Ludwig und Dr. Gudden in Füssen noch um den See, der auf der Bühne des Festspielhauses künstlich angelegt war. Darauf schwamm ein Schwan und ein Zauberwald rahmte das Bild ein. Das Lied „Geliebte Berge“ folgte. In der neuen Fassung kommt Ludwig alleine auf die Bühne und singt „Meine Zukunft“ , einen neuen Titel – die Kulisse ist leider während des gesamten Stückes gleichbleibend: 4 fahrbare große Wände, die jeweils mit einer Säule abschließen. So lassen sich verschiedene Szenarien bilden, doch den Wald können diese natürlich nicht ersetzen. Dass Ludwig alleine das Stück eröffnet ist dramaturgisch gesehen in Ordnung, wenngleich ich die Rückblende der ersten Fassung an sich logischer fand. Eine Rückblende findet jedoch auch statt und wir befinden uns nun in Hohenschwangau, was man allerdings nur durch seine eigene Interpretation ableiten kann, da man leider nicht die große Leinwand, die sich hinter der Bühne befindet, nutzt, um solche Orte einzublenden. Klein Ludwig spielt und kommandiert das Personal herum.
2. Eine weitere Szene, die sich wandelte ist der „Streit im Hause Wittelsbach“ – früher war Max von Bayern (gespielt von Norbert Lamla) dominant, Marie von Preußen musste zurückstecken. Nun ist alles verändert und die Dialoge, die einst Max sprach, übernimmt nun Marie, sie wirkt emanzipiert und unsympathisch. Max ist eine Parodie seiner selbst, mit grotesker Perücke. Weshalb man sich für dieses Stilmittel entschied? Ich weiß es nicht. Hier geht es nicht um die Kulisse, sondern um die Darstellung der Charaktere. Dass Ludwig seine Mutter nicht so liebte, soll evtl. hier begründet werden.
3. Nun ein allgemeiner Punkt, der alt bewährte Ludwig² Kenner etwas verwirren wird: Die Texte sind weitestgehend verändert worden. Man denkt, sobald die ersten Takte spielen, dass man gleich mitsingen könnte, doch dann geht es einem wie einem Musicalneuling, der aufpassen muss, dass er alle Zeilen, die gesungen werden, versteht. Denn vieles ist verändert und man sollte sich die CD kaufen, um auch alles genau zu verstehen. Allerdings sind die Textänderungen nicht störend, nur anfangs etwas verwirrend!
4. Bei der Kriegsszene wurden die Skelette, also die Puppets, die überdimensional groß in Füssen den Krieg symbolisierten, komplett gestrichen. Es marschieren nur Soldaten, inklusive Prinz Otto, Lichter sollen Schüsse und Chaos darstellen und am Ende bleibt ein Soldat, Willam Cohn, übrig und sinniert in einem Monolog über die Schrecken des Krieges. Durchaus eindrucksvoll ist dieser Monolog und perfekt dargeboten, doch erschreckender und symbolischer waren die Skelette und danach das Bild der unzähligen Soldaten, die dann zu Kreuzen wurden und mit diesem einfachen Mittel die Schrecken des Krieges ausdrückten.
5. Dass man mit Licht auch viel erreichen könnte, war in Füssen ebenso deutlich zu
sehen. Ob bei „Kalte Sterne“, der „Schattenmann-
6. Als neue Szene kam das Damen Terzett „In uns´rem Herzen“, welches von Sisi, Sophie und Sybille gesungen wird hinzu – ein wahrer Gewinn für das Stück!
7. Als nächstes die Szene im Irrenhaus, bei der Ludwig seinen Bruder Otto besucht, der vom Krieg irrsinnig wurde. Bei „Wann kommst du wieder“ war in Füssen sehr schön die emotionale Bindung der Brüder zu erkennen. Der große Bruder, also Ludwig, wiegte Otto wie ein Baby in seinen Armen. Otto, erst wirr und resignierend, erkennt nach und nach Ludwig und gerade, als er sich erinnert, holen ihn die Grausamkeiten des Krieges wieder ein und er fällt zurück in Trance. Nun ist Otto, auf Krücken gehend, immer von Ludwig distanziert, es kommt nicht diese Trauer auf, die man in Füssen empfand und obwohl Martin Markert die Szene hervorragend meistert, springt dieser Funke nicht mehr über.
8. Der Engel, der Ludwig stets half in ausweglosen Situationen, ist nun durch den kleinen Ludwig und Sybille Meilhaus ersetzt worden. Ein sehr gut gewähltes Stilmittel, das dem Stück noch mehr Tiefgang verleiht!
9. Der Baustellen Chor ist noch so ein Punkt…in Kempten tragen die Darsteller orange
Arbeiter-
10. Und als letzte Szene möchte ich noch das Finale herausgreifen. In Füssen erschien wieder der Wald, dazu der See, Sisi, Sybille und Dürckheim beginnen die 2. Fassung von „Kalte Sterne“ und am Ende wird im Hintergrund vor dem Gerüst, auf dem das Ensemble stand, Neuschwanstein virtuell erbaut. Der Schwan schwamm auf dem See und es entstand Gänsehaut pur. Kaum ein Zuschauer verdrückte nicht eine kleine Träne bei dieser Szene! In Kempten bleibt die Kulisse gleich, was nicht störend ist, aber warum nutzt man nicht die große Leinwand wieder im Hintergrund für die Projektion von Neuschwanstein? An der Seite wird das Schloss eingeblendet, doch eindrucksvoller wäre es im Hintergrund, groß thronend!
Meine Schilderungen sind sehr ausführlich, ich weiß. Doch es hat mich stark beschäftigt und emotional bewegt. Die langersehnte Wiederaufnahme ist gelungen, doch für die eingefleischten Ludwig Fans auch streckenweise erschreckend fremd und teilweise auch enttäuschend, wenn man die Bilder des Vorgängers im Kopf hat. Es ist schwierig, sich ein Urteil zu bilden. Ich bin glücklich über die neue Chance, die dieses wundervolle Musical erhalten hat, doch vielleicht sollte man noch an manchen Punkten feilen, damit das Stück nicht manchmal zu einer Parodie wird und wieder den emotionalen Tiefgang erhält, wie vor 4 Jahren.
Auf jeden Fall werde ich mir „Ludwig²“ erneut ansehen und ich hoffe sehr, dass viele
Zuschauer die Chance ergreifen und dieses Musical ebenso lieben und schätzen lernen
wie ich vor 4-
Der König ist zurück und wird es hoffentlich auch noch lange bleiben!
Bericht: Franziska Maier
Fotos: Ralf Lienert