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„Komiker aus Versehen – ein musikalischer Theo Lingen Abend“ mit Ilja Richter

 

 

In der Komödie im Marquardt Stuttgart treibt zur Zeit ein Geist sein Unwesen: Franz Theodor Schmitz, der im Privatleben alles andere als lustig war, erlangte großen Ruhm als Theater- sowie Filmschauspieler ab den 20er Jahren in Deutschland – allerdings ist er dem Publikum wohl besser unter seinem Künstlernamen Theo Lingen bekannt.

 

Lingen, ein „Komiker aus Versehen?“ – genau diese Frage wird in Tilmann von Blombergs Stück nun allabendlich erläutert. Theo Lingen ist bis heute unsterblich und wer lacht nicht über seine Darbietungen in den legendären „Paukerfilmen“?! Doch wer war Theo Lingen wirklich und welche Probleme bereitete ihm das 3. Reich unter der Naziherrschaft? All diese Themen greift von Blomberg in seinem musikalischen Lingen-Abend auf.

 

Das Stück beginnt gleich musikalisch – Daniel Große Boymann, alias „Daniel“, sitzt am Klavier, um seine Künstler Irina und Gideon (Irina Wrona und Gideon Rapp) zu begleiten. Die beiden singen einen Titel über Theo Lingen und tragen Masken mit dessen Antlitz. So erfährt das Publikum, dass es Daniels Ziel und Auftrag ist, ein Stück über Theo Lingen zu schreiben. Doch dies möchte ihm nicht recht gelingen und entnervt verlassen die beiden Sänger ihren Pianisten, vor allem nachdem sie erfahren, dass das Stück am folgenden Tag um 11 Uhr fertig sein soll – und nun ist es kurz vor 0 Uhr!

 

0 Uhr – Geisterstunde! Passender hätte man diese Zeit nicht wählen können. So sitzt Daniel einsam um Mitternacht an seinem Piano – das Licht fällt aus – atmosphärischer Kerzenschein erleuchtet die Bühne nur zu Bruchstücken. Die Verzweiflung ist Daniel ins Gesicht geschrieben und er fragt laut, wer denn Theo Lingen eigentlich war? Er sucht nach Hilfe…und erhält diese prompt vom Geist des gerufenen Schauspielers! Theo Lingen sitzt rauchend auf der Bühne – verkörpert wird er in diesem Stück von einem brillanten Ilja Richter, der mit Lingen selbst in etlichen Klamauk-Filmen der 70er Jahre spielte und somit auch genau weiß, welche Eigenheiten der Künstler sein Eigen nannte. Doch nicht nur Ilja Richter schlüpft in die Rolle Lingens, auch Gideon Rapp stellt den jungen Theo dar. Beide Mimen sind beinah exakte Abbilder des „Komikers aus Versehen“ und auch sein berühmter Sprachstil wird von den Herren perfekt imitiert, ebenso die Mimik und Gestik.

 

Doch zurück zur Handlung: Daniel kann es nicht fassen, dass nun der wahre Theo Lingen vor ihm sitzt und er nutzt die Gunst der makabren Stunde, um zu erfahren, wie das Leben des Schauspielers denn tatsächlich verlief und weshalb Lingen eigentlich kein ursprünglicher Komiker war. So sieht der Zuschauer nun Episoden aus Lingens Leben, man lernt seine Kindheitsträume und auch Probleme kennen, die er als junger Schauspieler hatte. Warum er Schauspieler wurde? Nun, weil die Bezahlung, in Form von Blutwurst, doch recht verlockend war! Heutzutage undenkbare Beweggründe, doch in der damaligen Zeit galten Nahrungsmittel als wertvolle Güter und als Bezahlung. Ebenso wird erklärt, wie es zu Lingens Künstlernamen kam – der Geburtsort seines Vaters war Lingen und nach diesem benannte sich Franz Theodor, alias Theo. Von Kollegen belächelt und von Regisseuren abgewiesen, prophezeite man ihm keine große Karriere als Bühnenschauspieler. Doch der Zufall wollte es, dass Theo Lingen eine Rolle bekam, die zwar so winzig war, dass sie kaum auffiel, doch er brachte die Zuschauer in 5 Minuten so zum Lachen, dass die Zeitungen über seinen Auftritt berichteten und die Menschen auf ihn aufmerksam wurden. So schaffte er es zum bekannten Schauspieler. Man wird ebenso Zeuge, wie er sich in Bertolt Brechts Frau Marianne verliebte und mit ihr an seiner Seite viel erlebte. Seine Begegnungen mit Gründgens und sein Kampf, mit dem Nazi-Regime klarzukommen, werden ebenfalls eindrucksvoll dargestellt. Eine etwas geschmacklose Begegnung stellt die mit Adolf Hitler dar, der von Irina Wrona verkörpert wird. Obwohl Wrona schauspielerisch gesehen eine hervorragende Karikatur des „Führers“ abgibt, ist es doch stets etwas kritisch, diese Person in ein Stück zu integrieren, mit dem Hintergrund, dass Lingen auch nie persönlich Hitler kennenlernte. Doch hier muss sich das Publikum seine eigene Meinung dazu bilden.

 

Dass Lingens Schwiegermutter eine Jüdin war und verhaftet wurde, kommt ebenso zur Sprache und dass er deswegen auch in Deutschland blieb und die vielen komischen Filme spielte, um seine Familie zu schützen. Der im Privatleben als scheu geltende Lingen drehte auch nach dem Ende des 2. Weltkrieges in Deutschland weiter und obwohl ihn im Stück sein junges Ich, das Kind Theo, ihm ins Gewissen redet, dass er seinen Weg doch ändern soll, so blieb er diesem bis zu seinem Tod, am 10. November 1978, treu.

 

So endet das Theaterstück eher nachdenklich und obwohl man nun das Gefühl hat zu wissen, wer Theo Lingen eigentlich war, bleiben doch noch viele Fragen offen, die uns allerdings auch nicht der Geist des Schauspielers beantworten kann. Tilmann von Blomberg schafft es, den Komiker Theo Lingen, der sich mit seinen Eigenheiten in die Herzen der Zuschauer spielte, von einer anderen Seite zu präsentieren. Ilja Richter verfasste die Songtexte des Stückes, die ebenso eindrucksvoll das Gesehen unterstützen. Daniel Große Boymann, der die musikalische Einrichtung übernahm sowie Irina Wrona, die nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als künstlerische Mitarbeiterin tätig war, sorgen für ein Theaterstück der Extraklasse. Ein berührendes Stück, mit hervorragenden Schauspielern, die teilweise in die verschiedensten Bühnencharaktere schlüpfen und dabei stets authentisch wirken sowie einem passenden Bühnenbild, welches auch Projektionen enthält, die das Gesehene atmosphärisch untermalen – all das lässt dem Publikum die Illusion entstehen, Theo Lingen sei extra für diesen Abend noch einmal von den Toten auferstanden, um ihnen seine Geschichte zu erzählen. Dramaturgin Annette Weinmann gelang hier die perfekte Mischung aus klassischen Musiktheater und niveauvollem,emotionalem, historischem Bühnenstück.

 

So macht Theater Spaß! Erleben auch Sie „Komiker aus Versehen“ in der Komödie im Marquardt Stuttgart!

 

 

Bericht: Franziska Maier

 

Fotos: Jürgen Frahm, Franziska Maier