News
Berichte
Interviews
Theater
Promotion
Archiv
IMPRESSUM
News Berichte interviews Theater Promotion Archiv

„Die Erfüllung eines Wunsches zieht immer einen neuen Wunsch nach sich“ – Zitat von Michael Ende

 

Premiere des Stückes „Die unendliche Geschichte“ an der Jungen WLB

 

Wer den Titel des neuen Kinder-und Jugendstückes der WLB Esslingen hört, wird damit sofort den erfolgreichen Film aus dem Jahr 1984 in Verbindung bringen. „Die unendliche Geschichte“ von Autor Michael Ende hält jedoch viel mehr Facetten bereit als das, was uns Hollywood Regisseur Wolfgang Petersen in seiner filmischen Umsetzung des Romans darbietet. So wird Endes Romanvorlage auf der Studiobühne Zollberg zum kritischen und kunstvoll inszenierten Werk, das für Jung und Alt Überraschungen bereithält.

Als Michael Ende 1979 seinen Roman „Die unendliche Geschichte“ verfasste, beschäftigte er sich mit der Frage, was geschehen würde, wenn es eine Welt außerhalb der unseren Welt gäbe, eine Art Parallelwelt, in der alles so sein kann, wie man es sich wünscht – vorausgesetzt man verliert nicht seine wahre Identität durch die Macht der Wünsche.

Der Junge Bastian Balthasar Bux ist wahrlich kein Glückskind. So verliert er früh seine Mutter und sein Vater, selbst in tiefer Depression, versucht das verschüchterte Kind höchstens mit Geschenken aufzumuntern. Von Mitschülern gehänselt, ohne Freunde und Erfolgserlebnisse, beginnt Bastian das Buch „Die unendliche Geschichte“ zu lesen. Dieses eröffnet ihm eine völlig neue Welt. Eine Welt der Abenteuer und skurrilen Gestalten, die im Laufe der Zeit mehr mit ihm in Verbindung stehen als Bastian denkt. Je stärker er in die Romanwelt eintaucht, desto wichtiger wird seine eigene Rolle in diesem Buch. So kann nur er Phantasien vor dem grauenhaften „Nichts“ retten, das diese Welt zu verschlingen droht, indem er der kindlichen Kaiserin einen neuen Namen gibt. Dieser ist auch bald gefunden und nachdem er allerlei gefährliche Situationen mit dem jungen Romanhelden Atreju durchgestanden hat und das Nichts immer mächtiger wird, nennt er den neuen Namen der Kaiserin, obwohl er immer noch an der Glaubwürdigkeit dieser Welt zweifelt. So kann es ja nicht sein, dass eine Romanwelt zur Wirklichkeit avanciert, oder? In Bastians Fall schon. Er gilt als neuer Retter Phantasiens und darf sich nun, mit Hilfe des Aurins, einem mächtigen Amulett, unzählige Wünsche erfüllen. Doch wer die Macht hat zu wünschen, der sollte sich gut überlegen, wie er diese einsetzt. Bastian wird zum neuen Helden Phantasiens, in seiner Welt ist er nun der Kaiser – bis er merkt, dass er mit jedem Wunsch einen Teil seines früheren Lebens vergessen hat und es beinahe zu spät ist, aus dieser Parallelwelt zurückzukehren…

Den meisten Besuchern des Theaterstückes wird der zweite Teil des Romans wohl kaum ein Begriff sein, da der legendäre Film mit einem Happy End beendet wird und Bastian der Retter Phantasiens ist, der der kindlichen Kaiserin einen neuen Namen gab. Doch der weitaus düstere Teil des Buches wird durch Marco Süß`Bühnenfassung ebenso präsent und zeigt eindrucksvoll die Gefahren der Übermacht des Wunschdenkens auf.

 

Michael Ende selbst lehnte die damalige Verfilmung seines Romans strikt ab, so war ihm alles zu hollywood-like und zu stark beschönigt. Wer sich mit Ende auseinandergesetzt hat, dem wird schnell klar, weshalb dies so war. So übte er in seinen Werken stets Zivilisationskritik und sah die Welt mit kritischen Augen. Der 1995 in Filderstadt-Bonlanden, an den Folgen von Magenkrebs, verstorbene Autor würde die Bühnenfassung der WLB sicherlich gutheißen.

 

Natürlich ist es schwierig, ein so komplexes und phantasievolles Wekr auf der Bühne umzusetzen, doch was der WLB hier gelungen ist, ist wahrlich großes Theater.

Sabine Christiane Dotzer, in der Rolle des Bastian Balthasar Bux, überzeugt als schüchterner Junge ebenso wie als machtbesessener neuer Kaiser Phantasiens. Man nimmt ihr die Rolle des Jugendlichen perfekt ab. Insgesamt übernehmen alle Protagonisten auf der Bühne die verschiedensten Rollen. Sie schlüpfen von einer Sekunde zur anderen in völlig neue Kostüme oder erschaffen die Bewohner Phantasiens aus einfachsten Utensilien, wie beispielsweise alten Einkaufstüten, Alu-Folie, Gummi-Handschuhen oder einer Wärmflasche. Dass Gestalten wie der Glücksdrache Fuchur oder Pferd Artax mit Tierköpfen, die durch die Darsteller bewegt und zum Leben erweckt, dargestellt werden, ist zwar anfangs etwas befremdlich, doch man verliert schnell den realistischen Blick und lässt sich voll und ganz auf das Geschehen ein. Dieses Stück sollte man ohnehin mit Kinderaugen betrachten, denn dann entsteht eine völlig neue Welt, die faszinieren und zugleich furchteinflößend ist.

Martin Frolowitz (Vater/Schlamuffe), Yana Novakova (Cairon, Jicha, Dame Aiuola), Hanif Jeremy Idris (Atreju, Arzt, Artax, Hurtling), Stela M. Katic (Morla/Xayide), Franziska Pietch (Die kindliche Kaiserin/Fuchur) sowieOliver Klauser (Graograman/Yor) stellen das wunderbare Ensemble des Stückes dar. Sie geben den Figuren Namen, verleihen ihnen Gesichter und hauchen ihnen Leben ein. Dazu sorgen sie auch mit diversen Klangelementen für die passende Atmosphäre.

Erstmalig im Laufe der Geschichte der WLB kam außerdem eine Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart zustande. Der Studiengang Figurentheater ist dort belegbar und eben diese Studenten sorgten dafür, dass „Die unendliche Geschichte“ überhaupt als Bühnenstück realisierbar war!

Hierbei wird das klassische Puppenspiel durch Material-und Objekttheater ergänzt. Diese Art der Kreativität hat man zuvor sicherlich nicht in einem Theaterstück erleben dürfen. Daher ist dieses Werk etwas ganz Besonderes und Unterhaltung pur, da man nie weiß, aus welchem Material nun wieder ein neues Wesen entstehen wird.

Das rund 1,5 Stunden dauernde Stück vergeht wie im Fluge und wer denkt, dass es nicht machbar ist, solch eine Romanvorlage auf eine Theaterbühne zu bringen, der irrt gewaltig!

 

Erleben Sie „Die unendliche Geschichte“ selbst und überzeugen Sie sich!

 

Weitere Infos unter:

www.wlb-esslingen.de

 

Bericht: Franziska Maier

Fotos: Andreas Zauner